von Heiko Große
Nur wenige Schwerter sind so ikonographisch in der allgemeinen Wahrnehmung verankert, wie das japanische Katana, oftmals auch als „Samuraischwert“ bezeichnet. Kaum eine andere Klingenwaffe ist so über-repräsentiert in Filmen, Serien, Spielen und der allgemeinen Pop-Kultur. Sicherlich spielen dabei seit einigen Jahrzehnten die nicht abreißende Beliebtheit japanischer Manga und Anime eine Rolle. Aber schon seit den 1950er/60er Jahren, als Akira Kurosawa mit seinen Filmen auch internationale Bekanntheit erlangte, geisterte das Katana als die vermeidlich ultimative Schwertwaffe weltweit in den Köpfen herum. Kurosawas Figuren aus „Die Sieben Samurai“, „Yojimbo“ oder auch „Rashomon“ inspirierten nicht nur zahlreiche Westernfilme zu quasi-Remakes, sondern machten die Heldenfigur des schweigsamen, kämpferischen, wandernden Samurai zu einem Teil der Popkultur. Das symbolisch und fechterisch damit assoziierte Katana wurde zum Objekt der Begeisterung vor allem auch in der Welt des Kampfsports. Kaum eine Größe aus den 70er und 80er Jahren in den Bereichen Karate, Ninjutsu oder Kung Fu, die nicht vom Katana begeistert war.
Doch die Anfänge der Faszination der westlichen Welt, speziell in Europa, begann schon mit der Öffnung des Landes Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach über 300 Jahren quasi Isolation von der restlichen Welt während der Edo-Zeit begann das Shogunat 1854 mit der teilweisen Öffnung des Landes. Gezwungen durch die „Schwarzen Schiffe“ des amerikanischen Commodore Perry, der ein Jahr zuvor bereits ein Schreiben seines Präsidenten Fillmore mitgebracht hatte, das um die Öffnung der japanischen Häfen bat. Als Perry zurückkehrte, waren aus seinen 4 Schiffen ganze 10 geworden, die auch noch 1500 Soldaten an Bord hatten. Der Shogun sah sich so gezwungen den sogenannten „Vertrag über Frieden und Freundschaft“ anzunehmen.
Japans Öffnung nach Westen zog die folgenden Jahrzehnte eine ganze Reihe von turbulenten politischen und wirtschaftlichen Ereignissen nach sich, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würden. Vielmehr soll im Folgenden auf die Zusammenhänge der alten Fechtschulen Japans und den europäischen Einfluss auf diese eingegangen werden.

Holzschnitt (Alter unbekannt) mit Shinai-Geiko in einem japanischen Dojo
Mit den „koryu“ (dt. „alte Strömung, alte Schule“) hatten sich in den Jahrhunderten von Japans kriegerischer Geschichte Kampfschulen entwickelt, die neben dem unbewaffneten Nahkampf und zahlreichen Waffen eben vornehmlich auch den Schwertkampf unterrichteten. Die Übungen wurden in (teils verschlüsselten) Formen vermittelt, den sog. Kata, wie man sie auch aus dem modernen Karate kennt. Geübt wurde mit dem bokken oder bokuto, dem hölzernen Übungsschwert. Oftmals wurden damit auch freie Gefechte ausgeführt, dafür berühmt-berüchtigt war die gefürchtete Shinsengumi, eine Art Polizei-Miliz des Shogunats, deren Schule für viel hartes und realistisches Sparring bekannt war. Das Geiko (od. Ji-geiko), also das freie Sparring, war ebenfalls Bestandteil in einigen anderen ryuha, insbesondere in der späteren Edo-Periode. Deren Schutzausrüstung und Übungswaffen sind, die Ursprünge der heutigen bogu und des shinai, der Schutzrüstung des modernen Kendo.
Was selbst die wenigsten praktizierenden Kendoka heutzutage wissen, ist der europäische Einfluss in der Entwicklung des japanischen Fechtens ab der Landesöffnung. Aus Europa und den Vereinigen Staaten strömten nämlich neben den vielen Unternehmern und Händlern auch zahlreiche Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mediziner, Missionare, sogar Künstler, aber eben auch vor allem Militärberater ins Land. Dies wurde mit dem Bakmutsu, also dem Ende des Bakufu (Militär- oder Zentralregierung des Shogunats) und dem Beginn der Meiji-Restauration unter der Erneuerung der Macht des Tenno (Kaiser), noch forciert. Diese ausländischen Experten, die man ins Land rief, um die Modernisierung Japans zu beschleunigen, wurden o-yatoi gaikokijin (Kontraktausländer) genannt. Ihre Aufgabe war es neue, westliche Techniken einzuführen und japanische Spezialisten auszubilden. Sehr viele kamen aus England, den Vereinigten Staaten, Frankreich, aber auch Preußen (bzw. dem späteren Kaiserreich), den Niederlanden und China. Die Kosten für diese Fachkräfte waren sehr hoch, was eine der Gründe für die überraschend schnelle Modernisierung Japans ist. Bis auf wenige Ausnahmen, war das Prinzip der Kontraktausländer im großen Stile bis 1899 wieder abgeschafft.

Mitglieder der französischen Militärmission 1867
Die militärische Modernisierung lag dem neu erstandenen Kaiserreich besonders am Herzen, denn in den 1850ern und 1860ern hatte es zahlreiche interne Konflikte, Aufstände, Rebellionen und andere Zwischenfälle wie politische Morde gegeben. Es galt sicherlich auch die Nation unter einem Militär zu einen und damit auch stark zu machen gegen äußere Einflüsse, denn Japan wollte vermutlich nicht als weitere vom Westen kolonialisierte Region enden.
Militärexperten kamen zunächst aus Frankreich, wie schon noch während der Existenz des Shogunats der gebürtige Elsässer Jules Brunet, ein französischer Offizier des Zweiten Kaiserreichs Frankreichs. Dieser wurde bekannt als Mitglied der französischen Militärmission 1867. Nach dem Boshin-Krieg 1868, aus dem die kaiserliche Armee siegreich gegen das Shogunat hevorging, half er bei der Gründung der Republik Ezo auf der Nordinsel Hokkaido mit. Dies war der kurze Versuch einer unabhängigen Republik nach Vorbild der USA, was jedoch mit den Kämpfen des sog. Hakodate-Krieges kläglich scheiterte. Brunet wurde teilweise zur Vorlage für die Hauptfigur des Filmes „Last Samurai“.
Andere Militärberater stammten aus Großbritannien oder Preußen bzw. dem Deutschen Kaiserreich, wie der preußische Major Jacob Meckel. Dieser kam 1885 als Militärberater auf Bitten einer japanischen Militärdelegation und im Auftrag durch Reichskanzler Otto von Bismarck nach Japan. Dort unterrichtete er an der japanischen Kriegsakademie in Kyoto die Fächer Strategie, Taktik, Generalstabsdienst und Kriegsgeschichte. Angeblich sollen die japanischen Offiziellen, nachdem sie zunächst vor allem französische Militärberater gehabt hatten, den Preußen/Deutschen den Vorzug gegeben haben, weil diese sich in den drei Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich hervorgetan hatten.
Der Unterricht japanischer Soldaten und Offiziere erfolgte jedoch auch im Waffengebrauch, natürlich vor allem im Schusswaffen-Drill und in der Artillerie, aber auch im Nahkampf mit der blanken Waffe. Zu Beginn brachten die französischen Ausbilder das Fechten mit dem Säbel und Bajonett, aber auch Stoßfechten mit dem Florett. Ab 1866 lehrte die französische Militärmission die japanische Armee das europäische Fechten, was erst von kurzer Dauer war bis zur Rückkehr im Jahre 1872. Doch die französische Methode etablierte sich in den 1880er Jahren und fand schließlich sogar Einang in der japanischen Übersetzung des Fechtbuchs von Joinville im Jahr 1889. Dieses als „Kenjutsu Kyohan“ (später auch „Kendo Kyohan“) bezeichnete Werk war der Ausgangspunkt für weitere zahlreiche Neu-Veröffentlichungen zum Fechten für die japanische Armee bis in die 1930er Jahre. Mehrere Neuauflagen beinhalteten mit immer neuen Veränderungen neben dem grundsätzlichen Reglement des Fecht-Unterrichts für das Militär, die Kapitel zum Guntojutsu (Militärfechten), Jukenjutsu (Bajonettfechten) und eine ganze Weile auch Joba-Guntojutsu (berittener Schwertkampf). Nach dem Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 kam zur militärischen Ausbildung auch noch das Tanken-jutsu, also der Gebrauch des in der Hand gehaltenen Bajonetts mit hinzu.

Stoßfechten – Japanische Übersetzung von Joinville, 1889
Wie schon erwähnt, wurde das Stoßfechten mit dem Florett von den Japanern sehr schnell als unpraktisch für den Militärgebrauch verworfen, das Säbel- und Bajonettfechten war jedoch integraler Bestandteil des Trainings. Trainiert und gefochten wurde in Uniform oder in einer an den Uniformschnitt angelehnten Trainingskleidung. Im Gegensatz zu den klassischen Schwertschulen und dem heutigen Kendo übte man außerdem im militärischen Schuhwerk und nicht barfuß. Training fand verstärkt im Freien statt und seltener in Dojos, da man das große Massentraining bevorzugte und Platz brauchte. Schutz bot die schon existierende bogu, wie man sie heute noch im Kendo benutzt, die aus Men (Fechtmaske mit Hals-Schulterschutz, Do (Brustpanzer), Tare (Hüft- und Tiefschutz) und Kote (Handschützer) bestand. Seltener fanden sich die Schützer von Unterschenkel und Schienbein (suneate), wie man sie aus dem heutigen Naginato-Do Fechtsport kennt. Vermutlich weil die Soldaten wie zur damaligen Zeit üblich, Wadenwickel aus Lodenstoff, Baumwolle oder anderem polsternden Material trugen. Die Fechtwaffe war das Shinai, das flexible, aus Bambusstreben bestehende Übungsschwert, wie man es heute im Kendo kennt. Allerdings mit einem großen Unterschied: Es war bedeutend kürzer.

Japanischer Militärsäbel in Kyu-Gunto-Montierung (Quelle unbekannt)
Denn im Gegensatz zu den alten Kenjutsu-Schulen und dem Kendo-Sport, ging man beim Gunto-Jutsu von einem einhändig geführten Säbel des Montierungs-Stiles kyu-gunto aus. Die Japaner entwickelten diese europäisierten Militärsäbel basierend auf französischen Modellen mit japanischem Einfluss. Antike Modelle, die man heute noch findet, können sehr variieren, manche wirken wie reine Parade-Säbel, andere wiederum sind eindeutige Militärwaffen. Es gab dabei Unterschiede vom Design zwischen Armee und Marine, sowie standardisierte Modelle für die Kavallerie. Sie alle weisen die typischen Merkmale von Militärsäbeln auf, eine leicht gekrümmte, einschneidige Klinge, ein Gehilz mit Terz- und Quartbügeln oder Gefäß und Scheiden aus Metall. Die Muster und Dekoration konnte variieren, aber meistens findet sich schon das kaiserliche Crysanthemen-Muster wieder, das man auch von den Offiziersschwertern des 2. Weltkrieges kennt (Shin-Gunto/Kai-Gunto). Die Klingen können in ihrer Form oftmals eher an Katana-Typen erinnern und in vielen Offizierssäbeln fanden sich gar angepasste Klingen von älteren japanischen Schwertern, die in Familienbesitz waren und für die Militärzweck ummontiert wurden. So kann es durchaus sein, dass sich im Gehilz eines Offiziersäbels von 1909 eine Klinge aus dem 16. oder 17. Jahrhundert befindet.
Die Fechttechniken verändern sich im Laufe der verschiedenen Auflagen des Kenjutsu-Kyohan genannten Handbuchs. Erste einschneidende Anpassung von der Erstauflage von 1889 (die Joinville-Übersetzung) ist das Wegfallen des europäischen Ausfallschrittes, wie man ihn heute noch aus dem Fechtsport kennt. Dies war den Japanern offenbar suspekt und man nutzte lieber die Fußarbeit der japanischen Fechtkunst (ashi-sabaki). Dabei wird heute noch im Kendo der tsugi-ashi (vergleichbar mit dem Advance Step im Fechtsport oder Boxen) genutzt, bei dem auch der Angriff ausgeführt wird. Weniger häufig genutzt wird der okuri-ashi, der explosive, stampfende Ausfallschritt des heutigen Kendo. Die fechterische Grundhaltung war dem europäischen Säbel nicht unähnlich, allerdings mit weniger gebeugten Knien und dem Gewicht tendenziell mehr auf den vorderen Fuß gelagert, wie im heutigen Kendo. Die hinteren Fußspitzen waren jedoch nicht nach vorne, sondern seitlich ausgerichtet, wie man es vom Säbelfechten kennt. Die Grundhaltung des Shinai bzw. Gunto war vergleichbar mit einer Medium-Guard des Backsword oder Säbelfechtens, also die Spitze zum Gegner und mittig auf diesen gerichtet zur Scheitelhöhe aufsteigend. Die freie Hand blieb mit ca. einer Faust Abstand seitlich der eigenen linken Hüfte, also ebenfalls anders, als im europäischen Fechten.
Die Hiebe und Stiche folgten schon den Hauptzielen des heutigen Kendo, also Kopf, Hals, Rumpf und Handgelenke. Hiebe zu den Beinen, die es im späteren Vorkriegs-Kendo gab, finden sich im Katate-Gunto-Jutsu, also dem einhändigen Schwertkampf, wie dieser Militärstil auch genannt wurde, nicht. Die Ausholbewegung unterschied sich dann alsbald auch vom westlichen Fechten: Folgt man dort mit dem Körper der sich zuerst bewegenden Waffenhand, ging im japanischen Stil der Impuls von der Hüfte kommend aus. Das Heben des Schwertarms erfolgte also mit der Vorwärtsbewegung und der Angriffsschritt endete zeitgleich mit der treffenden Waffe. Hierbei fällt auch auf, dass Moulinets, also rotierende Angriffe aus dem Handgelenk, wie im Säbelfechten sehr üblich, von den Japanern ebenfalls rasch abgeschafft wurden.

Men-Angriff (Kopftreffer), Kendo-Kyohan (1909 Edition)
Pariert wurde jedoch ebenso direkt und statisch, wie man das aus Europa kennt, also die Waffe blockiert direkt den Angriffsweg der gegnerischen Waffe, Klinge auf Klinge, direktes Parieren mit der Schneide. Dies mag manch Praktizierendem der japanischen Schwertkunst seltsam vorkommen, zugleich sind direkte Paraden mit der Schneide auch in vielen älteren japanischen Fechtschulen durchaus bekannt. Ähnlich wie beim britischen Militärsäbel hatte man so eine Parade zur Innenseite des Körpers, eine zur Außenseite und eine horizontal über dem Kopf. Die fechterischen Manöver, Parade-Riposte, getimte Konter, Finten usw. lassen sich hierbei sowohl von europäischen Säbelsystemen, als auch aus dem heutigen Kendo übertragen.
Eine Besonderheit findet sich in manchen Editionen des Kendo-Kyohan. Diese kleinen Fechtbücher waren Heftchen-artige Anleitungen für Ausbilder und Soldaten gleichermaßen, die Auflagen folgten in mehreren Stufen und Versionen vom späten 19. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg. Eine Version zeigt eindeutig neben den einhändigen Techniken (katate) auch zweihändige Techniken (morote), also ganz wie man sie vom Kenjutsu- bzw. Kendo-Training her kennt. Da die Übungsshinai des Gunto-Jutsu zwar kürzer sind als heutige Shinai, jedoch der tsuka (Griff) lang genug ist, um mit zwei Händen gegriffen zu werden, bietet sich dies an. In der Edition von 1909 erwähnt das Kendo-Kyohan zumindest, dass zwar grundsätzlich die Techniken einhändig mit der Rechten ausgeführt würden, aber fortgeschrittene Übende könnten je nach Situation auch beide Hände oder die Linke gebrauchen. D.h. sowohl morote (beidhändig, wie man ein Katana oder Langes Schwert hält), aber auch mit der Linken, was ich in zwei Varianten interpretieren würde:
Zum einen die simple Variante, dass man das Shinai bzw. Kyu-Gunto mit links direkt unterhalb der tsuba (Stichblatt/Gehilz) hält. Zum anderen aber auch, dass man die Waffe ganz hinten am verlängerten Griff hält mit der linken Hand. Damit erhält man für einhändige Techniken eine enorme Reichweite. Diese Praxis kennt man aus manchen alten Fechtschulen Japans und wie Schnitttests belegen, ist dies durchführbar auch mit ordentlichem Effekt. Außerdem wird diese Techniken auch heute noch im Kendo mit dem längeren Turnier-Shinai gebraucht für Hiebe und Stiche.

Beidhändig führbares Kyu-Gunto, Klinge vermutlich ältere Periode (Quelle unbekannt)
Diese Anweisung passt auch exzellent zusammen mit vielen antiken Exemplaren des Kyu-Gunto und auch auf einigen Holzschnitten und alten Fotos kann man dieses Attribut sehen. Diese Varianten sind keine einhändigen Säbel mehr, sondern haben einen verlängerten Griff, sehen also aus wie ein Katana mit verlängertem Säbelgefäß. Von diesen Modellen finden sich sehr viele Exemplare, sogar noch in den Zeiten des 2. Weltkrieges. In vielen dieser Säbel stecken dann auch antike Katana-Klingen. Die Form und Ausmaße von Griff und Klinge lassen dabei sowohl einhändige, als auch beidhändige Techniken zu und die Technik mit der linken Hand ganz unten am Griff funktionieren ebenfalls vortrefflich. Hier sieht man eine deutliche Zusammenlegung europäischen und japanischen Designs auch im Kontext mit den möglichen Fechttechniken.

Beidhändige Parade mit dem Kyu-Gunto (Holzschnitt des Chinesisch-Japanischen Krieges, 1884/95)
Die Japaner gestalteten sowohl beim Säbel-Fechten, als auch beim Gebrauch des Bajonetts das Design und die Techniken so, dass sie nutzten, was ihnen seitens der europäischen Versionen sinnvoll und nützlich erschien, das Ganze aber mit ihren althergebrachten Techniken des Schwert- und Speerkampfes mischten. So sahen sie die Notwendigkeit von Nahkampftechniken im Grabenkampf des Russisch-Japanischen Krieges und führten das Tanken-Jutsu ein, also Kampf mit dem in der Hand gehaltenen Bajonett. Derartiges gab es auch in Europa (Alfred Hutton erwähnt dies beispielsweise in seinem Cold Steel-Buch) und die Techniken des heute noch als Tankendo ausgeführten Dolch-/Messer-Fechtens zeigen Ähnlichkeiten mit dem europäischen Säbel, aber auch eindeutige Zusammenhänge mit älteren Methoden. Der Gebrauch des Tanto (Dolch) und Wakizashi oder Kodachi (Kurzschwert) kannte Nahkampftechniken mit Haltegriffen am gegnerischen Waffenarm und dies findet sich auch heute noch in der Nihon-Kendo-Kata, den traditionellen Schwertformen mit Partner im modernen Kendo.

Beidhändig geführter Hieb mit dem Kyu-Gunto (Holzschnitt des Chinesisch-Japanischen Krieges, 1884/85)
Interessanterweise zeigen die Versionen des Kendo-Kyohan keine solche Nahkampftechniken, obwohl sie im Freikampf vor der Meiji-Restauration 1868 in vielen Schulen praktiziert wurden, insbesondere aus der von vielen Mitgliedern der Shinsengumi trainierten Tennen-Rishin-Ryu. Auch die erwähnten Kurzschwert-Techniken mit Nahkampf lassen sich vorzüglich mit dem kürzeren Gunto-Jutsu Shinai bzw. Kyu-Gunto ausführen. Und gerade mit den Erfahrungen der Grabenkämpfe gegen Russland wäre dies auch für die Waffenführung zu erwarten gewesen.
Trotz der Modernisierung Japans und dem Aufbau einer stark am preußischen Vorbild angelehnten militarisierten Gesellschaft waren die Fechtkunst und das Echo der Samurai immer noch zu spüren und sollten als kollektives, nationalistisch förderndes Mittel die Einheit und Moral des ganzen japanischen Volkes fördern. Neben den praktischen Erwägungen spielten also auch nationalistische und identitätsstiftende Gründe eine Rolle, weshalb man in den 1920er und 1930er Jahren immer mehr von den europäisierten Fechttechniken und Säbel-Designs abrückte. Die Schwerter für Offiziere und Unteroffiziere wurden wieder verstärkt an die alten Tachis und Katana der Samurai angelehnt, die Fechttechniken wieder vorwiegend beidhändig mit längeren Shinai durchgeführt. Das Kendo vor Beginn des 2. Weltkriegs sah also wieder mehr aus, wie die alten als Gekken/Gekiken oder shinai-geiko bekannten Freifechtübungen der Edo-Periode. Verstärkt findet sich auch wieder der Nahkampf mit Hüftwürfen und Fußfegern, wie man sie aus dem Judo kennt und sogar Bodenkampf und Aufgabegriffe finden sich auf alten Fotos und Filmaufnahmen. Der Einfluss der militärischen Delegationen aus Europa fand sich vor allem in der Struktur der Armee und ihrer Ausbildung, der Organisation und Disziplin wieder.

Kendo Kumi-ichi (Ringkampf im Shinai-geiko), nachcoloriertes Foto ca. 1911
Insbesondere die Preußen hatten hier großen Einfluss, die Wehrgymnastik und Turnerbewegung inspirierten die Japaner wohl immens. Ebenso soll Preußen die traditionelle Kendo-Uniform beeinflusst haben, wenn auch indirekt. Das oft als Indigo bezeichnete Blau der hakama und Gi (Hosenrock und Jacke) soll seinen Ursprung im sog. Preußisch Blau gehabt haben (eigentlich Berliner Blau). Diese Färbemethode bzw. Pigmente wurden schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts nach Asien exportiert und soll aus dieser Epoche auch nachweisbar bei mindestens zwei japanischen Gemälden sein. Nach kurzem Importstopp soll ab 1824 der Import nach Japan über die Chinesen wieder erlaubt gewesen sein und viele bekannte Werke wie die von Künstlerlegende Katushika Hokusai verwendeten oft Berliner Blau. Dies wiederum soll angeblich die Färbung der Kendo-Uniform geprägt haben. Ob dies nun wirklich stimmt oder nur eine schöne Geschichte ist, bleibt nach aktuellem Kenntnisstand offen.
Fakt bleibt jedoch, dass die japanische Fechtkunst zwischen 1868 und den 1930er Jahren eine spannende Entwicklung unter europäischem Einfluss erlebte, der zu interessanten Hybrid-Entwicklungen führte, die heute noch in einigen Aspekten des modernen Kendo nachhallen.
Quellen:
- Kendo-Kyohan (1909), approved by Minister of War Terauchi Masatake (kenshi247.net)
- Franco-Japanese Military Sabre & Bayonet, Russ Mitchel, Kenneth Kitta (2021)
- Gekken und Kendo – Die Entwicklung von Lehren und Lernen in der japanischen Fechtkunst von Jörg Potrafki (2012), Dissertation online (https://refubium.fu-berlin.de/)
- Kendo – Lehrbuch des japanischen Schwertkampfes von Oshima, Ando, Kaneda, Mandt, Weinmann (2000)
- Kendo – Culture oft he Sword von Alexander C. Bennett (2015)
- Shinsenhgiumi: The Shogun`s Last Samurai Corps von R. Hillsborough (2005)
