Alte Meister, junge Meister – Traktor Schwerin und die Kunst des Boxens

Rezension von Marcus Coesfeld

Das Deutsche Kampfsportmuseum hat den langen Kampf aufgenommen, dessen Sieg ein begehbares Museum über Kampfkunst- und Kampfsportgeschichte bedeutet. Die erste Runde hat der Verein durch seine Gründung und die Errichtung einer digitalen Sammlung für sich entschieden. In einer der nächsten Runden wird es um die erste eigene begehbare Sonderausstellung gehen. Doch auch wenn es noch kein anderes allgemeines Kampfsportmuseum in Deutschland gibt, so widmen sich durchaus auch andere Museen hin und wieder einem regionalen kampfsporthistorischen Thema.

Ein Vorzeigebeispiel für eine solche Sonderausstellung lief vom 15. August bis zum 21. November 2021 unter dem Titel „Alte Meister, junge Meister – Traktor Schwerin und die Kunst des Boxens“ im Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus der Landeshauptstadt Schwerin. Wie der Name schon verrät, hat sie die Geschichte des Boxvereins Traktor Schwerin museal aufbereitet. Obgleich sporthistorisch über die Schweriner Stadtgrenzen weit hinaus relevant, ist die Ausstellung nur regional vermarktet worden. Der Rezensent hat sie daher nicht – wie man aktuell meinen könnte – wegen der Corona-Pandemie nicht besuchen können, sondern schlicht, weil er erst nach Ausstellungsende von ihr erfahren hat. Das ist schade, doch zumindest der vorliegende Begleitband bleibt – und ermöglicht dem Leser auch im Nachhinein Eindrücke in die Ausstellungsinhalte.

Zu DDR-Zeiten galt Schwerin als Hochburg des Amateurboxens. Zahllose gewonnene Deutsche Meisterschaften sowie internationale Erfolge auf Europa- und Weltmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen zeugen davon. Die Boxstaffel des SC Traktor Schwerin war über Jahrzehnte eine Hausnummer. Seit 2002 hat sie sich als Boxclub Traktor Schwerin e.V. (BC Traktor Schwerin) autonom gemacht und knüpft an alte Erfolge auf internationalem Niveau an. Grund genug also für eine Ausstellung, die die Geschichte eines solchen Vereins einmal aufbereitet.

Herausgegeben wird der Band von der Landeshauptstadt Schwerin, der Einrichtungsleiterin Antje Schunke sowie von der Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin Christina Katharina May. Die Fachbeiträge stammen von Schunke und May und werden ergänzt durch Beiträge des Historikers Tim Neumann. Dieser hat mit seiner 2017 veröffentlichten Doktorarbeit über Boxen in der DDR das Standardwerk zur Verbandsgeschichte des DDR-Boxens verfasst. Und so wechseln sich auf 147 Seiten unterschiedliche Artikel und zahlreiche Farbbilder von Exponaten der Ausstellung in ergänzender Weise ab:

In der Einführung in das Ausstellungsprojekt erläutert die Kuratorin, dass mit ihm und dem Katalog „Geschichten und Porträts von den Anfängen des Boxens in Schwerin in der Nachkriegszeit bis heute vorgestellt“ werden. „Im Sport“ – so versteht es das Kampfsportmuseum übrigens auch – „spiegeln sich gesellschaftliche Beziehungen und zeitgeschichtliche Ereignisse wider“ führt die Autorin an (S. 11). Das Projekt wird daher als „offenes Experimentierfeld“ gesehen, an dem nicht nur Geschichts-, Sport- und Kulturinstitutionen, sondern auch Schweriner Bürgerinnen und Bürger durch Wissen und Leihgaben partizipiert haben.

Jochen Bachfeld gegen Peter Rieger von der Betriebssportgemeinschaft Stahl Henningsdorf, 15.12.1975, Foto: Hartmut Musewald

Der Band gliedert sich chronologisch in vier Abschnitte. Diese werden originell durch Erfolgschroniken des Vereins in die Abschnitte 1949-1969, 1970-1982, 1983-1989 und 1990-2020 gegliedert. Im ersten Abschnitt führt May den Leser zunächst in die „kurze Geschichte des Boxens“ ein, von seinen Anfängen in England des 18. Jahrhundert über die Olympisierung des Sports bis hin zum frühen DDR-Boxen – und explizit in Schwerin. Neumann ergänzt durch eine knappe Vorstellung der Gründung des DDR-Sportverbandes. Im nächsten Abschnitt zeigt er auf, wie der Boxverband und insbesondere Traktor Schwerin Walter Ulbrichts Forderungen folgend die Jugendarbeit aufbaute und so eine beispiellose Nachwuchsförderung erarbeiten konnte.

Ganz besonders interessant sind die Beiträge über die Innovationsfähigkeit des DDR-Boxens und die immensen Bemühungen, den Sport durch Einbindung wissenschaftlicher Forschung zu verbessern. Die durch Horst Fiedler und der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig angestoßene Verwissenschaftlichung führte zu einem „modernen Boxen“, das den DDR-Sportlern internationale Erfolge bescherte – obgleich die Auswüchse die „teilweise unethischen Praktiken, die allgemein als Doping bekannt geworden sind“ (S. 61) zu den Schattenseiten dieser Entwicklung gehörten. Einbindung auch technischer Innovationen in den Leistungssport nahm in seiner vielleicht skurrilsten Form der Boxroboter „Robert“ ein, der in den 80er Jahren weltweite Bekanntheit erlangte.

ZDF-Beitrag zu „Boxroboter Robert, die DDR-Geheimwaffe“.

May skizziert die großen nationalen und internationalen Erfolge des SC Traktor Schwerin in den 1980ern sowie die anschließende Vereinsgeschichte von der Wendezeit, in der das DDR-Sportsystem aufgelöst wurde und die ostdeutschen Boxer sich an ein westdeutsches Sportsystem mit weitaus geringerer staatlicher Förderung eingliedern mussten, bis hin zur Gegenwart, in der abermals die Jugendförderung einen großen Schwerpunkt der Vereinsarbeit einnimmt. Der Kreis scheint sich zu schließen.

In einem vergleichsweise ausführlicheren Beitrag erörtert Schunke die Geschichte des Frauenboxens von seinen Anfängen, als auch das Männerboxen in Deutschland noch verboten war, bis zu den Frauenboxen-Weltmeisterschaften oder Regina Halmichs Showkämpfe gegen Stefan Raab in jüngerer Zeit. Dabei stellt sie die sich immer wieder wandelnden Frauenbilder dar – und mit ihnen das immer wechselnde Bild, die Duldung, das Verbot und die Erlaubnis der boxenden Frau im Kaiserreich, der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in DDR und BRD dar.

Eingestreut in den Band werden immer wieder Beiträge über oder mit bekannten Sportlern, die in Verbindung zum SC Traktor Schwerin stehen: Bruno Guse als „Rekordmeister und Hobbyfotograf“, ein Interview mit dem mehrfachen DDR-Meister und EM-Bronzemedaillengewinner Karl Degenhardt mit Fragen nach persönlichen Eindrücken zu seiner Laufbahn etwa. So auch Beiträge über die Olympia-„Stars“ Jochen Bachfeld, Richard Nowakowski und den Kampfrichter Gustav Baumgardt, von dem übrigens auch die den Band gliedernden Erfolgschroniken des Vereins stammten und die von May überarbeitet worden sind.

Bruno Guses Trainingshandschuh, Foto: Frank Hormann/nordlicht

Da es sich um einen Ausstellungskatalog handelt, werden überall im Band Exponate aus der Ausstellung gezeigt. In Hauptsache sind das Mannschaftsfotos, Fotos von Kämpfen und Impressionen aus dem Training, Boxhandschuhe, Eintrittskarten, Trophäen und Wimpel. Kleines Highlight ist vielleicht der „Olympia Hut“ vom Trainer der DDR-Nationalmannschaft Fritz Sdunek von 1980 mit Unterschriften u.a. der Klitschko-Brüder. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf einer Plakatsammlung zu nationalen und internationalen Veranstaltungen aus den 1980er Jahren, die Kunsthistorikern May unter dem Gesichtspunkt des Designs skizziert und historisch in der Beziehung der DDR zu Kuba und zur Sowjetunion kontextualisiert.

Zum Abschluss des Bandes führt May das Boxen noch als Sujet der Kunst im Spiegel unterschiedlicher Zeiten und Weltanschauungen vor, um eine Auswahl an zeitgenössischen Kunstobjekten aus der Ausstellung vorzustellen, die den Sport aus unterschiedlichen Perspektiven aufgreifen. Für den Rezensenten, der kein Kunsthistoriker ist, ist vor allem das Werk Stefan Nestlers mit dem Titel „Agiles Arbeiten“ imposant, das hier nur exemplarisch vorgestellt werden soll. Die Installation stellt ein Schachbrett dar, auf dem gebrauchte Boxhandschuhe (mit individuellen Geschichten also) auf Stangen befestigt so arrangiert sind, dass die 6. Partie der Schachweltmeisterschaften 1972 zwischen Boris Spasski (UdSSR) und Bobby Fischer (USA) nachgestellt wird – nur eben mit Boxhandschuhen, statt mit Schachfiguren. Interessant nicht nur deshalb, weil die damalige Schach-Weltmeisterschaft mitten im Kalten Krieg ideologisch stark aufgeladen war, sondern vor allem wegen der Verbindung von Schach und Boxen. Phänomenologisch betrachtet ist eben nicht nur das Boxen, sondern auch das Schachspiel eine Art „Kampf“. Andersherum gesehen zeigt die Metapher aber auch auf, wie strategisch und taktisch das Boxen ist, dem heute leider immer noch – wie viele andere Kampfsportarten auch – oft der schlechte Ruf von dumpfer Brutalität nachhängt.

Tino Bittners „Faust“, Foto: Frank Hormann/nordlicht

Ausstellung und Band wollen in die Welt des Boxens einführen, und nutzt dazu verschiedene Kanäle. Für die Schweriner Bürgerinnen und Bürger ist es ein Stück Regionalgeschichte. Wer grundsätzlich an Geschichte, Sport und Sportgeschichte interessiert ist, kommt hier aber auch durch die Einbettung der Vereinsgeschichte in die allgemeine DDR-Sportgeschichte auf seine Kosten. Auch der künstlerische Zugang durch die ausgestellten Objekte findet ganz neue Zugänge – sowohl von der Kunst zum Sport, als auch umgekehrt. Insofern möchten wir für die Konzeption des Deutschen Kampfsportmuseums auch die Ausstellung „Alte Meister, junge Meister – Traktor Schwerin und die Kunst des Boxens“ zur Inspiration nutzen, wenn wir so weit sind, und danken den Macherinnen für die Inspiration.

Für alle, die die Ausstellung, wie der Rezensent auch, live zu besuchen verpasst haben, wird sie demnächst in digitaler Form auf der Internetseite des BC Traktor Schwerin zu sehen sein. Wir dürfen uns darauf freuen.

Angaben zum Katalog

Schleswig-Holstein-Haus Schwerin, Christina May und Antje Schunke:
Alte Meister, junge Meister. Traktor Schwerin und die Kunst des Boxens, Ausst.-Kat. (08.2021–11.2021), Schwerin 2021, 148 S. zahlr. Abb., ISBN: 978-3-982-30770-1.
Gestaltung: Anna Pfau, Wismar

Der Katalog kann für 20,00 € über das Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus Schwerin bestellt werden.

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